Interview mit Blogger und Zeitgeisttheoretiker André Moch über hervorragende, aber übersehene Trainertalente, das Geschäft Fußball und die neue Macht der Trainer.
ZEIT ONLINE: Herr Moch, Trainerentlassungen gehören längst zu den festen Ritualen des Profifußballs. Wenn aber Fußball-Lehrer von sich aus kündigen, ist das so ungewöhnlich, dass Klub-Verantwortliche ratlos sind und Wolfgang Holzhäuser von Bayer Leverkusen an die “Trainer-Ethik” appelliert. Was ist das?
Moch: Die Trainer werden sich endlich ihrer Selbst bewusst. Denn es ist mitnichten so, dass eine Truppe – selbst wenn sie mit Spitzenkräften besetzt ist – Siege von allein eintütet. Da braucht es einen, der die Zügel in der Hand hält. Und am besten jemanden, der sich seine Leute auch selber ins Team holt. Klar, dass so ein Mann dann eine absolute Schlüsselposition im Verein besetzt und Macht hat. Wenn so einer dann geht – auch mal vor Vertragsende – ist das natürlich hart. Beispiel Felix Magath: Er ist bei Wolfsburg auf dem Höhepunkt abgetreten. Natürlich jaulen da die Wölfe im VfL-Vorstand. Aber wenn er nächstes Jahr nur im Mittelfeld rumgedümpelt wäre… zack wäre er gekickt worden. Ohne mit der Wimper zu zucken. Und da sage ich ganz ehrlich: Die bigotte Art der Clubs kotzt mich an.
ZEIT ONLINE: Im Fall von Bruno Labbadia schien die Sache etwas komplizierter zu sein.
Moch: Labbadia war etwas ungestüm mit seinem Interview. Aber er ist noch recht frisch im Trainergeschäft auf Spitzenniveau. Also: Sei’s drum.
ZEIT ONLINE: Noch zahlen die Klubs ungern Ablösesummen für Trainer. Der FC Bayern München hat sich strikt geweigert, Louis van Gaal aus seinem Vertrag zu kaufen, obwohl der auf der Wunschliste ganz oben stand.
Moch: Jetzt haben sie ihn ja und bezahlen wohl mit einem Freundschaftsspiel. So behalten alle ihr Gesicht.
ZEIT ONLINE: Ottmar Hitzfeld verweist auf die Vorbildfunktion des Trainers gegenüber seinen Spielern. Und Jupp Heynckes kritisiert Ausstiegsklauseln, weil sie die notwendige Identifikation mit dem Verein und der Region fragwürdig erscheinen lassen.
Moch: Hitzfeld und Don Jupp sind zwei echte Gentlemen. Meine Meinung ist aber, dass gleiches Recht für alle herrschen muss. Sonst holt man sich Magengeschwüre. Insofern sollte es Burn-Out-Ottmar mittlerweile besser wissen. Und ach ja: Profispieler interessieren sich in erster Linie für Geld und Prestige. Und dann gibt es da noch Lukas Podolski.
ZEIT ONLINE: Es fällt auf, dass kaum neue Gesichter auftauchen und stattdessen die altbekannten Trainer innerhalb der Bundesliga ständig rochieren. Hat der deutsche Fußball ein Trainer-Nachwuchsproblem?
Moch: Ach was! Ich finde das toll! Das ist wie im Karussell: Noch ‘ne Runde, noch ‘ne wilde Wahnsinnsfahrt! Da flattert Funkels Friedhelm die Trainingsjacke – und zwar Kloppo um die Ohren… das will ich doch sehen!
ZEIT ONLINE: Trotzdem wird an der Qualität der Trainerausbildung in Deutschland gezweifelt. In Holland soll sie besser sein.
Moch (brüllt): Wer sagt das? Sammer, die alte Tröte?!
ZEIT ONLINE: Ja, er…
Moch: Ruhe! Wer sowas von sich gibt hat einfach keine Ahnung! Fakt ist, dass Holland – allein schon bedingt durch die Größe – ein wenig flexibler ist. Dann war es das aber schon. Wissen Sie, heute gehört es auch dazu, den Spielern mal zu sagen, wie Sie sich zu ernähren haben. Was rät ein Holländer da? “Frikandeln vor’m Spiel – der Tore gibt’s viel”? Lächerlich!
ZEIT ONLINE: Dennoch fällt auf, dass seit längerer Zeit kein deutscher Trainer – bis auf den “Halbspanier” Bernd Schuster – in einer der europäischen Top-Ligen gearbeitet hat.
Moch: Daran können Sie sehen, dass es einfach stimmt in der deutschen Bundesliga.
ZEIT ONLINE: Nach dem überraschenden Gewinn der deutschen Meisterschaft könnte das Magath-Modell mit der für Bundesliga-Verhältnisse einzigartigen Bündelung von Kompetenzen Nachahmer finden.
Moch: Ich hoffe das. Ich halte das Trainermodell englischer Prägung für top. Klar muss der Trainer da einiges im Auge behalten und ein wirklich abgezockter Hund sein. Kein Job für einen Slomka beispielsweise. Aber auch für den wird es weiterhin Arbeit geben. Keine Bange.
ZEIT ONLINE: Die Stellung des Trainers in den englischen Klubs ist insgesamt eine andere.
Moch: Und das ist wie gesagt gut so. Die Manager sollen die Kohlen ranschaffen. Der Trainer soll seine Spieler bekommen, trainieren und aufstellen, sichten lassen und alles rund um die sportlichen Fragen koordinieren. Dann kommt auch der Erfolg. Weil Demokratie im Fußball nicht funktioniert. Klare Linien aber schon.
ZEIT ONLINE: Klingt eigentlich selbstverständlich. Warum handeln viele Trainer nicht nach diesem Grundsatz?
Moch: Man muss sie auch lassen. Schließlich bleiben Sie am Ende Angestellte. Alex Ferguson von Manchester United mal ausgenommen. Der ist sein eigener Herr. Beeindruckt der Mann!
ZEIT ONLINE: Im vergangenen Jahr waren die Verantwortlichen beim HSV zwischenzeitlich belächelt worden, weil sie sich auffallend viel Zeit für die Suche des Nachfolgers von Huub Stevens genommen hatten.
Moch: Ja oder denken wir nur daran was auf Schalke – oder besser – in ganz Deutschland los war, als Tönnies monatelang gesucht hat. Aber er hat Magath gefunden und das ist ein großer Verdienst des Fleischers aus Rheda-Wiedenbrück.
ZEIT ONLINE: Bitter nur, dass der im Fall des HSV mit großem Aufwand auserwählte Martin Jol nach einem Jahr schon wieder das Weite suchte.
Moch: Nochmal: Was wenn Jol mit dem Team gegen den Abstieg gekämpft hätte? Und das geht bekanntlich ganz schnell wenn sich drei oder vier Schlüsselspieler unglücklich verletzen und ausfallen. Ich wette mit Ihnen: In diesem Falle hätte Jol nicht mal neun Monate in Hamburg verbracht und er wäre kurz nach der Winterpause gefeuert worden. Gnadenlos. Deswegen: Schluss mit dem bigotten Getue, Bundesliga! Das Leben ist kein Entmüdungsbecken!
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